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Digitale Landwirtschaft: Wenn der Traktor zu „reden“ beginnt

Von Thomas Pertz  |  Quelle: NOZ-Medien / Lingener Tagespost

Spelle. Matthias Kehmeier überprüft noch einmal die eingespeicherten Daten für das vor ihm liegende Feld in Spelle - dann lässt er losfahren. Selbst lenkt er den Traktor nicht.

Dank GPS-Empfänger, Lenkhilfen und Spurführung ermöglichen die per Satellit gewonnenen Daten, dass die Maschine wie auf Schienen über den Acker fährt. Kehmeier hat so mehr Zeit, den Display zu überwachen und zu kontrollieren, dass die Feldspritze hinter dem Traktor das macht, was sie soll. 

Bei der Vorführung versprüht sie lediglich Wasser, beim tatsächlichen Einsatz zum Beispiel Flüssigdünger. Den gilt es, punktgenau auf die Fläche zu bringen, keinen Zentimeter Boden doppelt zu besprühen und Bereiche auf dem Feld, wo zum Beispiel Bewuchs ist, auszusparen. Das schont die Umwelt, spart Sprit, Kosten und Zeit.

Digitalisierung verändert auch in der Landwirtschaft die Arbeitsabläufe in erheblichem Maße. Kehmeier befasst sich damit beruflich gleich in doppelter Hinsicht: Er ist Abteilungsleiter für Agrar-Management-Systemlösungen beim LVD Bernard Krone in Spelle, Spezialist für Landmaschinen-Handel und Vertriebspartner von John Deere, größter Hersteller von Landtechnik weltweit. Zu Hause im Kreis Minden-Lübbecke betreibt der 38-Jährige noch eine Landwirtschaft. Bevor Kehmeier den Traktor auf dem Feld neben den Betriebsgebäuden des LVD an der Max-Eyth-Straße in Bewegung setzte, hatte er auf dem iPad noch kurz nachgeschaut, welche Felder der Lohnunternehmer bei ihm zu Hause an diesem Tag gedüngt hatte.

"Wir müssen die Digitalisierung nicht als Fluch sehen, so nach dem Motto: Jetzt kommt das auch noch. Sondern als Hilfe, von der die Landwirtschaft und das Umfeld alle etwas haben", betont Geschäftsführer Ludger Gude. Sie sei die Voraussetzung für artgerechten Umweltschutz in der Landwirtschaft. „Die Digitalisierung ist eine große Chance, Produktionsabläufe in der Landwirtschaft effizient, kostensenkend und umweltschonend zu gestalten“, unterstreicht Geschäftsführerin Dorothee Renzelmann.

Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums nutzt schon heute mehr als die Hälfte der in der Landwirtschaft Beschäftigten - dazu gehören auch die Lohnunternehmer - digitale Lösungen. Dies habe eine repräsentative Befragung im Auftrag des Branchenverbandes Bitcom, unterstützt vom Deutschen Bauernverband, ergeben.

Satellitengesteuerte Traktoren

Ein Ergebnis, das sich mit den Eindrücken von Florian Straten deckt. Er ist Kundendienstberater beim LVD Krone. In dessen Verkaufsgebiet im Emsland, der Grafschaft und dem Osnabrücker Land seien bereits rund 500 satellitengesteuerte Traktoren und andere landwirtschaftliche Maschinen auf den Äckern unterwegs, erläutert Straten. Gerade bei den jüngeren Landwirten steige die Bereitschaft, verstärkt die digitalen Möglichkeiten in die eigenen Produktionsabläufe einzubinden. Die ältere Bauerngeneration mag da skeptischer sein, ablehnend steht sie dem Thema aber nicht gegenüber. „Ich hab' noch keinen Kunden gehört, der gesagt hat: Die Digitalisierung bringt mir nichts“, erläutert Geschäftsführer Gude.

Er sieht im Einsatz digitaler Techniken auf den Feldern und in den Ställen deshalb auch eine Möglichkeit, das belastete Image der Branche aufzupolieren. "In keinem anderen Land Europas wird die Landwirtschaft so kritisch gesehen wie bei uns in Deutschland", sagt Gude. Zu Unrecht, wie er betont und macht dies am Beispiel der in der Öffentlichkeit kritisch beobachteten Gülleausbringung deutlich.

Gülle ein Reizthema

"Ein Reizthema", betont Kehmeier. Auch wegen der sogenannten "Prallteller", die die Gülle in der Vergangenheit als natürlich anfallenden Wirtschaftsdünger unkontrolliert über den Acker streuten. Die nach oben abstrahlenden Prallteller waren noch bis Ende 2015 im Einsatz. Ab 2020 sind auf Ackerland nur noch bodennahe Verfahren erlaubt.

Und heute? Dank der Digitalisierung ist hohe Präzision möglich. "Ein Infrarotsender leuchtet 4000 Mal in der Sekunde in die Gülle hinein und liest die Werte aus", beschreibt Straten die Technik. Je nach Bodenbeschaffenheit würden die Inhaltsstoffe des Naturdüngers verteilt. "Der große Vorteil: Ich kann vorher festlegen, wieviel Nährstoffe ich einbringen will", erläutert Kehmeier. Müsse es mehr Stickstoff sein oder mehr Phosphor? Antworten würden durch die Bodenanalyse vorgegeben. "Bei Böden, die nur ein Ertragspotenzial von 50 Prozent haben, bringt es nichts, mehr zu düngen". Solche Sünden gehören damit der Vergangenheit an.

Neues Geschäftsfeld

Die Digitalisierung ist ein neues Geschäftsfeld für den Landtechnik-Dienstleister, die dieser nach den Worten der Geschäftsführung von LVD Krone seit fünf Jahren konsequent pflegt und ausbaut. "Wir haben dazu inzwischen eine eigene Abteilung aufgebaut", erklärt Gude. Ein Ende der Entwicklung ist dabei nach Angaben von Renzelmann noch lange nicht in Sicht.

Die Betreuung der Landwirte und Lohnunternehmen ist intensiv. Kehmeier und seine Kollegen können von ihren Rechnern im Büro aus das Display im Traktor auf dem Acker abbilden. "Wir können nichts verändern, wohl aber Ratschläge geben, wenn es Fragen zur Programmierung gibt", erklärt Kehmeier. Was die weitere Kommunikation zwischen Servicebetrieb und Landwirt anbelangt, "ist ein stabiles Mobilfunknetz unerlässlich", betont der Agrarfachmann. Er hofft darauf, dass der 5-G-Standard in der Fläche möglichst schnell umgesetzt wird.

Geschäftsführer Gude kann sich auch vorstellen, dass künftig kleine Teams beim LVD, wie in einer Art Call-Center, dem Landwirt beratend zur Seite stehen - wenn dessen Traktor anfängt, zu "reden". Zum Beispiel mit einem digital gesteuerten Hinweis, dass der Spritverbrauch der Maschine aus zunächst unbekannten Gründen in die Höhe schnellt. "Dann können wir den Landwirt anrufen und ihn bitten, doch mal in die Werkstatt zu kommen", beschreibt er diesen durch die Digitalisierung erweiterten Service.

Wenn sich der Trecker "meldet"

Der kann, wenn man die Möglichkeiten weiterdenkt, rund um die Uhr gehen und die Arbeitswelten nicht nur der Landwirte, sondern auch Serviceunternehmen in der Landtechnik beeinflussen. "Wenn sich dann nachts um 3 Uhr der Trecker meldet, weil ein Sensor defekt ist, muss jemand eine Schadensanalyse machen", beschreibt Gude die Vernetzung von digitaler Technik, Informationen und Menschen. Die LVD-Mannschaft in Spelle steht dieser Entwicklung positiv gegenüber, meint Gude. „Es gibt kaum eine Branche, wo sich die Technik so schnell weiterentwickelt hat, wie in der Landtechnik“, betont er.

Seinen Vater hat Abteilungsleiter Matthias Kehmeier inzwischen auch schon so gut wie überzeugt. Dieser hatte ihn kürzlich angerufen, als der Motor des Treckers zu Hause heiß gelaufen war. Er hatte durch einen vorbeifahrenden Mähdrescher Stroh angesaugt. Der Sohn wusste es aber schon - über eine Push-Nachricht auf seinem Handy.

 

Kommentar: Digitalisierung als Chance

Die Rasanz, mit der die Digitalisierung in der Landwirtschaft dort Arbeits- und Produktionsprozesse verändert, ist beeindruckend. Es gibt aber auch Ängste, die Landtechnik-Spezialisten wie der LVD Krone ebenfalls berücksichtigen müssen.

Wenn satellitengesteuerte Traktoren in der Lage sind, zentimetergenau Dünger auf die Felder zu bringen, ist das ressourcen- und umweltschonend. Wenn Traktoren „sprechen“ können, kann dies Wartungskosten verringern und Einsatzzeiten erhöhen. 

Aber die Risiken gibt es natürlich auch. Die technische Entwicklung erhöht die Anforderungen an die landwirtschaftliche Arbeit. Den vertrauten Blick auf den Acker häufiger mit dem auf das Display zu tauschen, ist auch nicht jedermanns Sache. Hier können insbesondere Konflikte zwischen den Generationen in der Landwirtschaft entstehen. Deshalb gilt es für die Unternehmen in der Landtechnik, neben der fachlichen Partnerschaft auch eine Moderation zu übernehmen.  

Die Digitalisierung ist nicht automatisch ein Heilsbringer für die Branche. Aber eine Chance, zum Beispiel über den Nachweis „sanfter“ Produktionsmethoden mehr Akzeptanz in der Bevölkerung zu entwickeln.

 

Link zum Original-Artikel: https://www.noz.de/lokales/spelle/artikel/1826440/digitale-landwirtschaft-wenn-der-traktor-zu-reden-beginnt